Ortsgruppe Ellwangen
                    

200 Jahre Evangelische Kirche in Ellwangen

Quelle: Festschrift "200 Jahre Evangelische Kirche in Ellwangen (Jagst)"
Verfasser: Joachim Renschler, Ellwangen (November 2003)
Copyright © Evangelische Kirchengemeinde Ellwangen (Jagst)
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zur Stadt Ellwangen

Die Evangelische Kirchengemeinde Ellwangen

Zur Geschichte

09.05.2004 / WF
Konfirmanden mit Pastor (09.05.2004) in Ellwangen
vor dem Portal des ehemaligen Jesuitenkollegs
26.08.2002 / WF
romanische Stiftskirche (katholisch) und barocke Evangelische Stadtkirche (ehemalige Jesuitenkirche) in Ellwangen
Von der Evangelischen Kirchengemeinde Ellwangen mit ihrem Stadtpfarramt kann erst ab dem Jahre 1817 gesprochen werden. Gleichwohl gab es bereits zuvor im rein katholisch geprägten Ellwangen evangelisches Leben.

So blieb im 16. Jahrhundert auch Ellwangen von den Gedanken der Reformation nicht unberührt. Die Einführung der Lehre Luthers, die von dem Stiftsprediger Dr. Johannes Kreß und von Stadtpfarrer Georg Mumpach übernommen und vertreten worden ist, stieß allerdings auf entschiedene Ablehnung durch den damaligen Landesherrn und kostete beiden Reformatoren das Leben. Dem Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 entsprechend, bestimmte in der Folgezeit der Fürstpropst auf dem von ihm beherrschten Territorium die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen, so dass Ellwangen ausschließlich katholisch blieb.

Dies änderte sich erst im Zuge der von Napoleon veranlassten Säkularisation und der damit verbundenen staatlichen Neuordnung der Jahre 1802/1803. Das Gebiet der säkularisierten Fürstpropstei Ellwangen fiel - als Entschädigung für von Württemberg an Frankreich abgetretene linksrheinische Gebiete (u.a. Mömpelgard / Montbéliard) - an das seit 1534 der Reformation zugewandte Herzogtum Württemberg.

Am 10.09.1802, noch vor der durch den Reichsdeputationshauptschluss rechtlich geregelten Besitzverteilung, verlegte Herzog Friedrich - um möglichen Widerständen von Anhängern der alten Herrschaft zu begegnen - Militär nach Ellwangen. Dessen fast ausschließlich evangelische Angehörige bildeten in der Folge die Garnisonsgemeinde. In dieser sind die wenigen in Ellwan-gen wohnhaften evangelischen Zivilpersonen mitbetreut worden.

Der erste evangelische Gottesdienst in Ellwangen - Anlass für das jetzige Jubiläum - fand am Neujahrstag 1803 in der ehemaligen Jesuitenkirche statt.

Zum 01.01.1803 war das kurzlebige, den neuen württembergischen Gebietserwerb umfassende, nur in der Person des Herrschers mit Altwürttemberg verbundene staatliche Gebilde "Neuwürttemberg" mit Regierungssitz in Ellwangen geschaffen worden. Herzog Friedrich, seit 1805 Kurfürst, hat den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen durch das Toleranzedikt vom 14.02.1803 Rechnung getragen und die drei christlichen Konfessionen römisch-katholischer, lutherischer und reformierter Prägung einander gleichgestellt. Die Jesuitenkirche wurde Garnisons- und Hofkirche. Dem Status des neuen Fürstentums entsprechend, wurden eine evangelische Hofpredigerstelle und eine evangelische Hofkaplanei errichtet, die jedoch nur bis zur Vereinigung von Neuwürttemberg mit Altwürttemberg am 01.01.1806 Bestand hatten. Nach dem Verlust der Residenz, die im nunmehr zum Königreich erhobenen Württemberg allein Stuttgart zukam, blieb Ellwangen ein Garnisonsprediger. Dieser war als Militärgeistlicher dem Feldpropst in Stuttgart und bezüglich der Zivilpersonen - nach vorübergehender Zugehörigkeit zum Dekanat Heidenheim - ab 1810 dem Dekanat Aalen unterstellt, wobei "wegen großer Entlegenheit" Ellwangens von Stuttgart der Feldpropst dem Aalener Dekan auch die Visitation des Ellwanger Geistlichen als Garnisonsprediger übertragen hatte.

Nach Napoleons Sturz und Beendigung der Internierung von Napoleons Bruder Jerôme und seiner Ehefrau Katharina, der Tochter König Friedrichs, während der für das württembergische Bewachungskommando 14-tägig in der Schlosskapelle ein evangelischer Gottesdienst gehalten worden ist, wurde 1816 die Ellwanger Garnison endgültig aufgehoben. Hatte die Militärgemeinde 1814 noch ca. 1450 Personen gezählt, verblieb nach Abzug des württembergischen Militärs nur noch eine aus 70 Personen bestehende evangelische Kirchengemeinde. Trotz dieser geringen Zahl wurde zum 01.11.1817 das Stadtpfarramt eingerichtet, das mit seinem übergeordneten Dekanat Aalen zur Prälatur Ulm gehörte, der es - von 1823 an - nach vorübergehender Unterstellung unter die 1913 aufgelöste Generalsuperintendentur (Schwäbisch) Hall noch heute zugeordnet ist.

Die mit der Säkularisation in Württembergisches Landeseigentum übergegangene frühere Jesuitenkirche mit den herrlichen barocken Fresken von Christoph Thomas Scheffler wurde evangelische Stadtkirche und ist bis heute das Zentrum der Gemeinde.

Bedingt vor allem durch die Errichtung neuer staatlicher Ämter - Ellwangen wurde im Zuge der württembergischen Verwaltungseinteilung Sitz des Jagstkreises - wuchs die Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf 775 Personen und damit auf 1/5 der Gesamtbevölkerung Ellwangens, ein Verhältnis, das im Übrigen bei gegenwärtig (01.01.2003) 5474 evangelischen Gemeindemitgliedern annähernd noch heute in Ellwangen festzustellen ist.

Schon früh gehörten zur ellwangischen Kirchengemeinde "Filialisten", d. h. evangelische Be-wohner umliegender, überwiegend katholischer Orte, so u.a. in Haisterhofen und Schwabsberg. Nach der Pfarrbeschreibung von 1906 umfasste die Ellwanger Parochie außer der Stadt u.a. Dalkingen, Rindelbach, Schrezheim und Schwabsberg ganz sowie Pfahlheim und Röhlingen zum Teil (hier war - und ist übrigens immer noch - der andere Teil Walxheim zugeordnet). Die Außenorte wurden 1936 durch die evangelischen Bewohner von Neuler bereichert, das ohne seine Teilorte von Adelmannsfelden nach Ellwangen umgepfarrt wurde.

Bereits 1896 hatte die evangelische Kirchengemeinde durch die Einrichtung des Rabenhofes einen Zuwachs von ca. 100 Gemeindegliedern erfahren. Der Rabenhof ist noch heute Teil der evangelischen Kirchengemeinde Ellwangen, wird jedoch seit einigen Jahren seelsorgerisch vom Pfarrer aus Wört versorgt.

Erhebliche Veränderungen und eine nachhaltige Bereicherung der Ellwanger Kirchengemeinde brachten nach dem Ende des 2. Weltkrieges die zahlreichen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge und mit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" ab 1989/1990 die vielen Aus- und Übersiedler, vor allem aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.

Nachdem mit der Einführung der Bundeswehr Ellwangen im Jahre 1956 wieder Garnisonsstadt geworden war, entstand eine Soldatengemeinde, deren evangelische Angehörige von einem evangelischen Militärpfarrer betreut werden, der mit Stimmrecht dem Kirchengemeinderat der evangelischen Kirchengemeinde Ellwangen angehört.

Der kurze Rückblick auf die Geschichte der Ellwanger Kirchengemeinde soll schließen mit der Erinnerung an die denkwürdige Öffnung der 200 Jahre verschlossenen Verbindungstür zwischen der katholischen St. Vitus-Basilika und der heutigen evangelischen Stadtkirche am Vorabend der in Augsburg am 31.10.1999 unterzeichneten "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre". Waren es doch bewegende Augenblicke, als am Abend des 30.10.1999 Christen der verschiedenen Konfessionen durch die geöffnete Tür gehen durften, wobei der evangelische Landesbischof Eberhardt Renz von der evangelischen Stadtkirche in die katholische Basilika und umgekehrt der damalige Diözesanadministrator Dr. Johannes Kreidler von der Basilika in die evangelische Stadtkirche in langen Prozessionen die Kirchenbesucher anführten und dabei das den Psalm 117,1 aufnehmende Taizé-Lied "Laudate omnes gentes, laudate Dominum" gesungen wurde. Dieses nach Worten von Weihbischof Johannes Kreidler "ökumenische Zeichen von hoher symbolischer Kraft" möge nicht in Vergessenheit geraten. Das zu diesem Anlass geschaffene und im Durchgangsbereich der Tür aufgestellte Gemälde "Im Zentrum des Glaubens miteinander verwachsen" von Dietward Schwäble ist dazu eine schöne Hilfe.

Literatur zum Thema:

  • Brude, Eugen: Die evangelische Garnison- und Stadtpfarrei Ellwangen 1802 - 1930, in: Ellwanger Jahrbuch XI, 1929/32, S. 37-100
  • Nestle, Fritz: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Ellwangen, in: Viktor Burr (Hg.), Ellwangen 764 - 1964, Bd. l, S. 445-502
  • Pfeifer, Hans: Ellwangen - Kunst und Geschichte aus 1250 Jahren, 2000, S. 43-46,128-129
  • Evang. Kirchengemeinde Ellwangen (Hg.): Evangelische Stadtkirche Ellwangen, Kleiner Kunstführer, Schwabenverlag Ellwangen, 3. Auflage 1993

Bearbeitungsstand: 11.08.2011

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